Gender Gaps und Knopflöcher setzen können

Vielleicht war ich naiv. Ich dachte doch tatsächlich, man könnte als Frau, ja, sogar als Mutter, einfach mal so ein harmloses Hobby-Handarbeits-Blögchen starten, ohne sich – wie sonst oft genug und gerne – gleich gesellschafts-, gender- oder sonstwie politisch positionieren zu müssen. Ja, ich dachte doch tatsächlich, man könnte sich einfach mit ein paar anderen Handarbeiter*innen über Handarbeiten austauschen, ohne nicht handarbeitenden Menschen damit auf die Nerven zu gehen.

Aber falsch gedacht. Offenbar gibt es Menschen, die meinen, DIY-Blogs seien in ihrer Gesamtheit unfeministisch, nein, sogar anti-feministisch, sie träten gar der „Gleichberechtigung ins Knie“:

„Doch die alpakaweiche Bewegung tritt die Gleichberechtigung ins Knie. Denn all die Blogs und Artikel und Prodüktchen, sie bedienen abwertende Mädchen-Klischees. Meist in Pastellfarben gestaltet, mit Mustern aus den 70ern. Dazu Schreibschrift und Schnörkel. Im Blog-Titel Worte wie Fräulein, Feen, Zauber und Seele; im Online-Shop das Versprechen, alles wurde „mit ganz viel Liebe hergestellt“. Im Zentrum: das traute Heim. Gefühlsduselei, mangelnde Fähigkeit zur Abstraktion, Hausfrauen-Kleinklein, wenig Wissen: Das wurde Frauen, als sie noch darum kämpfen mussten, Wissenschafterlinnen zu werden, vorgehalten. Heute definieren sie sich stolz über Babyfotos und mit Äpfeln bedruckte Geschirrhandtücher: Loriots Jodeldiplom.“

So schreibt es Heide Fuhljahn in einem fulminanten Rant auf brigitte.de. Sie beklagt, die Bloggerinnen wollten nur Aufmerksamkeit (mal ehrlich: Brigitte-Kolumnist*innen etwa nicht?) und statt mit ihren Blogs „Grundlagen von Revolutionen“ zu legen, also „wie meist Männer“ politische Blogs zu schreiben, widmeten sie sich lieber mit „wenig Anstrengung, viel Bohei“ Babyfotos und Schminktäschchen.

Uff. Nun könnte ich kleinlaut eingestehen, dass ich es heute morgen gewagt habe ein Foto mit Baby (!) an der Nähmaschine (!) zu posten, statt wie Frau Fuhljahn zu einem emanzipierten Mixed Martial Arts-Event zu gehen. Ich könnte auch entgegnen, dass ich dieses Foto postete, ehe ich mein Strickzeug (!) in die selbstgemachte (!) Wickeltasche packte um zu einem von dutzenden Krippen-Besichtigungsterminen zu eilen, damit ich dereinst wieder Vollzeit arbeiten kann, statt Vollzeit Baby-Pumphosen zu nähen.

Ich mag mich aber gar nicht rechtfertigen, weil ich nichts weniger feministisch finde als die permanente Aufforderung an Frauen – von egal welcher Seite – sich für ihren – egal welchen – Lebensentwurf, genau: zu rechtfertigen. Ich mag mich nur wundern über ein so eingeengtes Verständnis von Feminismus, in dem handarbeitende Mütter per se unfeministisch sind, weil sie sich nicht anstrengen mögen um „Pilotin oder Verlegerin“ zu werden, wie Fuhljahn schreibt. (Zu Recht fragt Katharina Rathert auf Twitter: „… ist eine Pilotin immer auch Feministin?“)

Nein, allzu kindlich-mädchenhafte DIY-Projekte sind auch nicht meins. Aber wer bin ich, darüber zu urteilen oder davon gar auf den Grad an Selbstbestimmtheit ihrer Urheber*innen zu schließen? Wer sagt denn, dass neben dem Strickzeug nicht Anne Wizoreks Streitschrift „Weil ein Aufschrei nicht reicht“ auf dem Couchtisch liegt? Kann es nicht sein, dass Strickschriften und Judith Butler lesen sich genauso wenig widersprechen wie die Fähigkeit zum Knopflöcher und Gender-Gap-Setzen? Ist es tatsächlich emanzipierter, nach dem Vollzeitjob, wenn das Kind schläft, Kampfsport zu betreiben anstatt die eigene Garderobe zu upcyclen? Und was weiß Fuhljahn über das, let’s say, antirassistische oder umweltpolitische Engagement von häkelnden Vollzeitmüttern?

Mit freundlichen Grüßen: Eine, deren Identität mehr umfasst als Handarbeiten und wenn nicht, dann ist es auch gut.

(Und jetzt: viel Spaß beim Debattieren. Die Mutti muss los zum nächsten Krippentermin)

Update: In der ersten, mit heißer Nadel gestrickten (*hust*) Version des Textes habe ich den Namen der Autorin Heide Fuhljahn falsch geschrieben, das bitte ich zu entschuldigen! Außerdem war zwischenzeitlich der Link auf brigitte.de defekt, das müsste jetzt behoben sein.

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22 Gedanken zu „Gender Gaps und Knopflöcher setzen können

  1. Du sprichst mir aus der Seele, was Sie da abgeliefert hat ist echt nicht tragbar, vor allem in einer Frauenzeitschrift. Wenigstens kannst du noch mit einem schmunzelnden Auge darüber schreiben. Aber es hat auch sein Gutes, so habe ich wenigstens auf deinen Blog gefunden. 🙂
    Ich hatte auch kurz überlegt was darüber zu schreiben, aber ich glaube dafür kocht es noch zu sehr in mir.
    LG LeoLilie 🙂

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    • Danke dir für dein Feedback! Werde hier sicherlich auch nicht jeden Tag über Feminismus schreiben, das war ja gar nicht mein Plan 😉 Aber ich freue mich, wenn du trotzdem ab und an reinliest.
      Und ja: ein wenig gekocht in mir hat es auch. Deshalb habe ich den Text auch sehr spontan zwischen zwei Terminen mit heißer Nadel gestrickt. Vielleicht reflektiere ich das Ganze die Tage noch mal mit ein bisschen mehr Ruhe …

      Schönen Abend und LG,
      M.

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  2. Ein gutes hat der Kommentar – ich habe deine Blog gefunden. Viel Erfolg bei der Krippensuche!

    Ich hab mir mein Kind vor den Bauch geschnallt, und mich vor dem Computer gesetzt, zum Arbeiten. Und mit 2 1/2 Monaten war meine Tochter auf ihrer ersten Konferenz.

    Viele Grüße

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    • Das freut mich, schau gerne wieder vorbei, wenn du magst! Und danke für die Erfolgswünsche – obs was wird mit dem Krippenplatz weiß man dann ja leider (glaube/fürchte ich) erst kurz bevor man wirklich drauf angewiesen ist … jedenfalls hoffe ich, dass ich den Kleinen am Ende nicht noch mit ins Büro nehmen muss 😉

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  3. Es ist schon schade, dass wir Frauen uns nach all den Jahren immer noch für unser gewähltes Lebensmodell verteidigen und entschuldigen „müssen“ oder sollen … ging es nicht ursprünglich darum, tun zu können, was frau möchte?? Ich habe Technik studiert und mich dennoch mit meiner „Näherei“ selbständig gemacht – auwei … ich lasse der Autorin ihre eigene, persönliche Meinung (die sie haben darf!) und lasse mir meine eigene … ohne Rechtfertigung und ohne mich direkt angegriffen zu fühlen 🙂 – und setze mich nun ganz emanzipiert (weil ich tu, was ICH WILL) in Schlabberhose an die Nähmaschine (und vielleicht blogge ich auch noch, was ich so genäht habe – grins)
    Dein Text dazu hat mir sehr gefallen – danke schön! Ohne ihn hätte ich den brigitte-Artikel gar nicht „entdeckt“ 🙂 – und mir den einen oder anderen Gedanken dazu gemacht …
    Liebe Grüße!!

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  4. Pingback: Die verstrickte Dienstagsfrage fragt auch nach Brigitte | BESTRICKEND UMGARNT

  5. Besonders diese Passage spricht mir aus dem Herzen:
    „Ich mag mich aber gar nicht rechtfertigen, weil ich nichts weniger feministisch finde als die permanente Aufforderung an Frauen – von egal welcher Seite – sich für ihren – egal welchen – Lebensentwurf, genau: zu rechtfertigen. Ich mag mich nur wundern über ein so eingeengtes Verständnis von Feminismus, in dem handarbeitende Mütter per se unfeministisch sind, weil sie sich nicht anstrengen mögen um “Pilotin oder Verlegerin” zu werden, wie Fuhljahn schreibt. (Zu Recht fragt Katharina Rathert auf Twitter: “… ist eine Pilotin immer auch Feministin?”)“

    …inzwischen habe ich immer öfter das Verlangen, mich gegen selbsterklärte Feministinnen und ihre kruden Forderungen an ihre Geschlechtsgenossinnen zu wehren, als gegen das von Männern vermeintlich ausgeübte Patriarchat…

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  6. Pingback: Die verstrickte Dienstagsfrage 40/2014 | purzelbaumundkopfstand

  7. Es ist schon traurig – erst wurden Frauen schief angesehen, die keine typischen Frauendinge machen wollen, heute werden Frauen schief angesehen, die typische Frauendinge machen – aber das soll man als total fortschrittlich, modern und feministisch betrachten?
    Die Autorin unterliegt anscheinend dem Irrtum, Feminismus bedeute Martial Arts statt Ballett – wo das Ziel doch lauten muss: Martial Art oder Ballett, oder beides, wie die Frau/ das Mädchen will. Oder der Mann/ der Junge.

    Aber vermutlich wollte die Verfasserin des Rants einfach nur genau das, was sie den Selbermacherinnen vorwirft: Aufmerksamkeit 😉

    Danke für deinen Artikel!

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  8. Vielen Dank für das treffende Zusammenfassen meiner Gedanken. Ich las die Kolumne heute morgen mit Entsetzen, und dann mit einem Schmunzeln einige der über 500 Kommentare.
    Insgesamt fühle ich mich durch diese Debatte sehr an Diskussionen in meinem Studium erinnert, die ich mit einer Gender-Professorin geführt habe. Genau dasselbe Thema. Wenn es Feminismus sein soll, dass Frauen dasselbe machen wie Männer, um es mal überspitzt zu sagen, dann steige ich aus. Man kann immer fragen, warum Frauen nach wie vor frauentypischen Berufen nachgehen, warum einige dieser Jobs schlechter bezahlt, und all das, aber die Wahl einer Frau in Frage zu stellen und das so pauschal, wie es die Kolumnistin getan hat, das ist echt himmelschreiend.
    Du triffst den Nagel auf den Kopf!

    Liebe Grüße,
    Johanna

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  9. Hallo,
    ich handarbeite sehr gerne und arbeite, weil ich mich auch gerne mit meinen Kindern beschäftigen möchte in Teilzeit. Wenn ich dann in die Schublade „Heimchen am Herd“ gesteckt werde bitte schön, aber es gibt bei mir wie bei jedem anderen auch noch mehr Seiten. Ich habe als eine von 2 Mädchen mein Abi in Physik/Mathe gemacht, habe als eine von 5 Frauen E-Technik studiert und arbeite in der IT-Branche. Also in welche Schublade will man mich denn jetzt stecken? Jeder solle sein Leben so leben, wie er/sie es für richtig hält. Hauptsache man ist glücklich und mit seinem eigenen Leben zufrieden.
    Liebe Grüße
    Christa

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