White Style

Übers Wochenende ist mir die deutsche Ausgabe der finnischen Schnittzeitschrift „Ottobre Design Kids Fashion“ ins Haus geflattert. Schon öfter hatte ich am Zeitschriftenregal stehend mit ihr geliebäugelt, die Schnitte und Stoffe toll und abwechslungsreich gefunden und sie daher nun mal probehalber abonniert. Neben der aktuellen Ausgabe 1/2015 hatte ich mir noch eine 2014er-Ausgabe bestellt und so sehen die beiden aus:

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Und im Inneren entdecke ich unter anderem folgende Bilder:

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Vielleicht ist es Zufall. Vielleicht aber auch nicht, wenn man mal im Online-Angebot der Ottobre blättert. Fakt ist jedenfalls: Beide Titelbilder zeigen keine weißen Kinder.

Warum ich das so betone? Weil ich es erfreulich und der Vielfalt unserer Gesellschaft angemessen finde. Vor allem aber, weil ich den Eindruck habe, dass eine solche Titelseiten- und Fotostreckengestaltung hierzulande (leider) außergewöhnlich ist. Ich will gar nicht vom weißen Norm-Schönheitsideal sogenannter Frauenzeitschriften im allgemeinen sprechen – bei den DIY-Zeitschriften zu bleiben reicht mir schon voll und ganz.

Vielleicht habe ich bislang die falschen Schnittzeitschriften gelesen oder insgesamt zu wenige. Ich weiß es nicht. Was ich aber weiß: in rund zwei Jahren (2012-2014), in denen ich das in Deutschland wohl bekannteste Schnittmuster-Magazin „Burdastyle“ abonniert hatte, habe ich nicht ein einziges Mal People of Colour auf dem Titel gesehen. Und auch im Inneren der Zeitschrift habe ich fast vergeblich nach nicht-weißen Models gesucht. Gerade habe ich rein willkürlich rund ein dutzend Ausgaben aus dem Regal gezogen und durchgeschaut. Und von zwei schwarzen Models abgesehen, die jeweils in so einer Art „ganz normale Leute von der Straße präsentieren ihre Lieblingsmode“-Fotostrecken auftauchten (und von denen eins zufälligerweise das spätere Germany’s Next Topmodel Lovelyn ist …) tauchten die einzigen PoC dort auf, wo

a.) Leserinnen ihre selbstgemachten Modelle präsentierten (was schon mal zeigt, dass die Leserschaft der Burdastyle trotz allem nicht rein weiß ist!)

b.) Trends der internationalen Laufstege mit der Heftmode verglichen wurden (es ist schon recht bezeichnend, dass ausgerechnet dies die Seiten mit den meisten PoC, sprich: überhaupt welchen sind, bedenkt man, dass die Laufstege dieser Welt ja nun auch alles andere als ein Spiegel der vielfältigen Wirklichkeit sind…)

c.) sie als „exotisches“ Accessoire für weiße Models dienen.

Das klingt euch jetzt zu krass? Beispiel gefällig? Bitteschön (aus: Burdastyle 6/2012):

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Eine detaillierte Kritik könnte schon bei der Überschrift ansetzen (die einige Monate später exakt so über einer DIY-Fotostrecke zu Safari-Wildtier-gemusterten Wohnaccessoires steht, aber das nur am Rande …), denn einen Karen-Blixen-Buchtitel zu zitieren zeigt schon recht deutlich, dass es hier nur um eines geht: um weiße Menschen vor „afrikanischer“ Kulisse bzw. um eine weiße Sicht auf „Afrika“.

Auf diese Weise vorgewarnt macht es mich dann aber trotzdem sprachlos, wie dreist Schwarze Menschen hier darauf reduziert werden Kulisse oder Accessoire zu sein. Denn nein, Stoff und Schnittmuster der von Schwarzen Menschen getragenen Mode wird natürlich nicht benannt. Stattdessen geht es ausschließlich um die Safariwestenmode des blonden Models, die vor/neben Schwarzen Menschen in Szene gesetzt wird.

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Und diese (im Heft natürlich noch viel zahlreicheren) Schwarzen Kinder werden im Bildtext übrigens als „große Fangemeinde“ bezeichnet, derer sich die Chiffonbluse der weißen Frau erfreut … (zum Thema Schwarze Kinder als Kulisse für weiße Frauen immer wieder gut: dieser Text des Satireblogs The Onion).

So viel zu einem der offensichtlich rassistischen Beispiele, die mir beim Blättern so in die Hände gefallen sind. Was mir außerdem aufgefallen ist: Das in gefühlt jedem zweiten Heft mindestens eine Themenstrecke sich „Ethno“-Looks widmet, sprich: Stilelemente nicht-weißer/nicht-europäischer/nicht-westlicher Menschen aufgreift („inspiriert von Nomadenvölkern“) und diese – na? – genau: an weißen Models präsentiert. Betextet wird das dann wahlweise als „exotisch“, „exotisch“ oder „exotisch“ (teilweise fällt der Begriff sogar mehrfach innerhalb einer ohnehin nicht gerade textreichen Fotostrecke); Muster/Schnitte/Stile sind wie auf Knopfdruck „sinnlich“, „wild“ oder gleich „animalisch“, sie versprechen „Asia-Touch“ oder „Orient-Look“, „südliche Lässigkeit“, „Südsee-Feeling“ oder das „rassige“ Temperament „feuriger Sizilianerinnen“ oder klammern bestimmte Bevölkerungsgruppen aus, wenn sie von „optimistischen 50er“ Jahren in den USA sprechen (ich würde mal tippen, dass Afroamerikaner*innen dieses Jahrzent anders bezeichnen würden als die Mad Menesk gestylten weißen Models im Heft…) oder weiße Frauen samt Traumfängern und Lederfransen in den Native-American-freien Wilden Westen schicken. (Dass sich die Kosmetiktipps nur an Frauen richten, deren Hautton dem gleicht, was gemeinhin als „nude“ bezeichnet wird, tatsächlich aber nackte dunkle Haut ausklammert, ist dann nur noch ein Detail am Rande.)

Ich könnte weitere, weitere und weitere Beispiele nennen, aber ich ärgere mich schon so genug. Und als weiße Frau kann ich nur ahnen, wie es PoCs gehen muss, die sich beim Blick in solche Zeitschriften gar nicht oder nur auf exotisierende und rassistische Weise repräsentiert sehen.

Dass es anders geht, zeigt auf wohltuende Weise die „Ottobre“. Aber kann das alles sein? Gibt es noch weitere positive Beispiele von DIY-Zeitschriften da draußen, die nicht Weißsein als Normschönheitsideal vorgeben, sondern der Vielfalt unserer Gesellschaft Rechnung tragen? Und wenn nicht: wie können wir das ändern?

Ich freue mich auf eure Tipps, Erfahrungen, Diskussionsbeiträge!  (Worauf ich aber keine Lust habe: auf „das ist doch gar nicht rassistisch“-Kommentare von Menschen, die sich offensichtlich noch nicht damit beschäftigt haben, was Rassismus ist. Danke!)

Update, 30.1.: In einem Blogeintrag von 2013 fiel hier auch schon mal jemandem auf, wie weiß die Burdastyle ist.

Update 31.1.: Natürlich (Gottseidank!) bin ich nicht die erste, die sich diesem Thema widmet. Jenny hat schon 2012 einen super Text zum „BS & BS“ (Bullshit & Burdastyle) verfasst.

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Gender Gaps und Knopflöcher setzen können

Vielleicht war ich naiv. Ich dachte doch tatsächlich, man könnte als Frau, ja, sogar als Mutter, einfach mal so ein harmloses Hobby-Handarbeits-Blögchen starten, ohne sich – wie sonst oft genug und gerne – gleich gesellschafts-, gender- oder sonstwie politisch positionieren zu müssen. Ja, ich dachte doch tatsächlich, man könnte sich einfach mit ein paar anderen Handarbeiter*innen über Handarbeiten austauschen, ohne nicht handarbeitenden Menschen damit auf die Nerven zu gehen.

Aber falsch gedacht. Offenbar gibt es Menschen, die meinen, DIY-Blogs seien in ihrer Gesamtheit unfeministisch, nein, sogar anti-feministisch, sie träten gar der „Gleichberechtigung ins Knie“:

„Doch die alpakaweiche Bewegung tritt die Gleichberechtigung ins Knie. Denn all die Blogs und Artikel und Prodüktchen, sie bedienen abwertende Mädchen-Klischees. Meist in Pastellfarben gestaltet, mit Mustern aus den 70ern. Dazu Schreibschrift und Schnörkel. Im Blog-Titel Worte wie Fräulein, Feen, Zauber und Seele; im Online-Shop das Versprechen, alles wurde „mit ganz viel Liebe hergestellt“. Im Zentrum: das traute Heim. Gefühlsduselei, mangelnde Fähigkeit zur Abstraktion, Hausfrauen-Kleinklein, wenig Wissen: Das wurde Frauen, als sie noch darum kämpfen mussten, Wissenschafterlinnen zu werden, vorgehalten. Heute definieren sie sich stolz über Babyfotos und mit Äpfeln bedruckte Geschirrhandtücher: Loriots Jodeldiplom.“

So schreibt es Heide Fuhljahn in einem fulminanten Rant auf brigitte.de. Sie beklagt, die Bloggerinnen wollten nur Aufmerksamkeit (mal ehrlich: Brigitte-Kolumnist*innen etwa nicht?) und statt mit ihren Blogs „Grundlagen von Revolutionen“ zu legen, also „wie meist Männer“ politische Blogs zu schreiben, widmeten sie sich lieber mit „wenig Anstrengung, viel Bohei“ Babyfotos und Schminktäschchen.

Uff. Nun könnte ich kleinlaut eingestehen, dass ich es heute morgen gewagt habe ein Foto mit Baby (!) an der Nähmaschine (!) zu posten, statt wie Frau Fuhljahn zu einem emanzipierten Mixed Martial Arts-Event zu gehen. Ich könnte auch entgegnen, dass ich dieses Foto postete, ehe ich mein Strickzeug (!) in die selbstgemachte (!) Wickeltasche packte um zu einem von dutzenden Krippen-Besichtigungsterminen zu eilen, damit ich dereinst wieder Vollzeit arbeiten kann, statt Vollzeit Baby-Pumphosen zu nähen.

Ich mag mich aber gar nicht rechtfertigen, weil ich nichts weniger feministisch finde als die permanente Aufforderung an Frauen – von egal welcher Seite – sich für ihren – egal welchen – Lebensentwurf, genau: zu rechtfertigen. Ich mag mich nur wundern über ein so eingeengtes Verständnis von Feminismus, in dem handarbeitende Mütter per se unfeministisch sind, weil sie sich nicht anstrengen mögen um „Pilotin oder Verlegerin“ zu werden, wie Fuhljahn schreibt. (Zu Recht fragt Katharina Rathert auf Twitter: „… ist eine Pilotin immer auch Feministin?“)

Nein, allzu kindlich-mädchenhafte DIY-Projekte sind auch nicht meins. Aber wer bin ich, darüber zu urteilen oder davon gar auf den Grad an Selbstbestimmtheit ihrer Urheber*innen zu schließen? Wer sagt denn, dass neben dem Strickzeug nicht Anne Wizoreks Streitschrift „Weil ein Aufschrei nicht reicht“ auf dem Couchtisch liegt? Kann es nicht sein, dass Strickschriften und Judith Butler lesen sich genauso wenig widersprechen wie die Fähigkeit zum Knopflöcher und Gender-Gap-Setzen? Ist es tatsächlich emanzipierter, nach dem Vollzeitjob, wenn das Kind schläft, Kampfsport zu betreiben anstatt die eigene Garderobe zu upcyclen? Und was weiß Fuhljahn über das, let’s say, antirassistische oder umweltpolitische Engagement von häkelnden Vollzeitmüttern?

Mit freundlichen Grüßen: Eine, deren Identität mehr umfasst als Handarbeiten und wenn nicht, dann ist es auch gut.

(Und jetzt: viel Spaß beim Debattieren. Die Mutti muss los zum nächsten Krippentermin)

Update: In der ersten, mit heißer Nadel gestrickten (*hust*) Version des Textes habe ich den Namen der Autorin Heide Fuhljahn falsch geschrieben, das bitte ich zu entschuldigen! Außerdem war zwischenzeitlich der Link auf brigitte.de defekt, das müsste jetzt behoben sein.