Die verstrickte Dienstagsfrage fragt auch nach Brigitte

Ein neuer Morgen bricht an in der Blogosphäre und noch immer spülen mir die gestern losgetretene DIY-Feminismus-Debatte und meine Gedanken dazu jede Menge Blogbesucher*innen auf den Bildschirm (willkommen ihr alle und danke, dass ihr da seid!).

Feminismus

Ja, es gab viel Aufregung gestern, nicht nur auf brigitte.de, sondern allerorten in den handarbeitenden Blogs und den Sozialen Netzwerken. Heute morgen fragt deshalb auch das Wollschaf in seiner verstrickten Dienstagsfrage nach Meinungen zur Debatte:

„Wieder einmal beschwört ein abwertender Artikel über handarbeitende Frauen einen Shitstorm in Netz herauf.

Was denkst Du?
Warum fühlen sich so viele Frauen sofort angegriffen und gehen in den Verteidigungsmodus, sobald jemand abwertend über Handarbeiten schreibt?

Mangelt es der handarbeitenden Frauenwelt vielleicht einfach nur an dem Selbstbewusstsein, über solches Geschreibsel mit einem milden Lächeln hinwegzusehen?“

Ich bin ja nun noch ganz neu hier in der online handarbeitenden Welt. Deshalb sind vielleicht vorangegangene Diskussionen zum Thema bislang an mir vorbeigegangen. Dass viele Kommentator*innen gekränkt reagierten und sich teils auch weit unter der Gürtellinien auf die Autorin Heide Fuhljahn einschossen, ist ärgerlich, angesichts der von ihr gewählten polemischen Wortwahl und Pauschalkritik aber auch nicht wirklich verwunderlich.

Ob manche der Reaktionen aus mangelndem Selbstbewusstsein herrührten mag ich nicht beurteilen, bezweifle aber zumindest, dass dies mehrheitlich der Grund war. Warum es mich nun gestern gepackt hat, mit wirklich heißer Nadel zwischen zweiTerminen meine Meinung zum Anti-DIY-Artikel in meinen Blog zu stricken hatte jedenfalls weniger mit meiner gekränkten Handarbeiter*innen-Seele zu tun, als mit dem Ärger darüber, dass hier etwas als Feminismus ausgegeben wird, was in seiner ganzen Argumentationsstruktur zutiefst anti-feministisch daherkommt.

Sei es wegen des von mir gestern schon bemängelten Angreifens individueller Lebensentwürfe in Fuhljahns Text. Sei es, dass in einem Abwasch mit den Handarbeiten auch recht unverhohlen Hausarbeit und Muttersein als Tätigkeiten gegenüber „richtiger Arbeit“ abgewertet werden – ein Klassiker, der mit der gesellschaftlichen Geringschätzung von Care Work im Speziellen, wie auch anderen als „weiblich“ konnotierten Tätigkeiten im Allgemeinen korrespondiert, die sich nicht zuletzt in der drastischen Unterbezahlung von z.B. Erzieher*innen oder Altenpflegekräften zeigt. Zur Abwertung von ebenfalls verkürzt als „weiblich“ konnotierten Tätigkeiten wie dem Handarbeiten hat Lucy gestern auf ihrem Nahtzugabe-Blog schon passende Worte gefunden:

„Bedeutet das nicht, männlich konnotierte Tätigkeiten von vorneherein höher einzuschätzen als alles, was in unserer Kultur als „weiblich“ gilt und damit genau die Wertehierarchie zu bestätigen, die man eigentlich ablehnt?“

Dass Fuhljahn in ihrem Text zudem das Handarbeiten als Tätigkeit pauschal Frauen zuschreibt und deren Wissen/Können in Frage stellt, stößt beispielsweise Anke auf, die exemplarisch darauf hinweist,

„Wieviel Leistung  und Können darin steckt, Fasern zu färben und zu spinnen, um genau das Garn zu produzieren, was ich mir vorstelle.“

Persönlich finde ich gar nicht, dass es beim Bloggen per se um Leistung und Können gehen muss. Ja, persönlich war dieser Blog tatsächlich in erster Linie zum Austausch über ein Hobby, zum Voneinanderlernen und daher auch zum offenen Umgang mit Nicht-Können, mit Scheitern gedacht.

An feministische Positionierung hatte ich ursprünglich gar nicht gedacht. Gleichwohl finde ich es spannend, welche Debatten so ein Hobby lostreten kann und nehme die aktuelle zum Anlass, mich mehr zu informieren – darüber ob sich DIY als widerständige Praxis sehen lässt etwa oder darüber, was Lifestyleblogs über Geschlechterrollen aussagen; ich werde mir mal die queerfeministischen Ravelry-Gruppen anschauen, und freue mich auf die sicher noch vielen differenzierten Denkanstöße, die das Wollschaf mit seiner verstrickten Dienstagsfrage heute aus anderen Blogger*innen herauskitzelt oder auf eure Kommentare, die ihr hier zum Thema hinterlasst.

Ohne das Handarbeiten an sich per se als feministischen Akt überhöhen zu wollen, gibt es da draußen meinem ersten unvollständigen Eindruck zufolge durchaus viele spannende Ansätze, Feminismus und DIY zusammenzuführen (und nein, ich finde dafür muss man sich nicht zwingend ein Wollknäuel in die Vagina stecken …).

Einen schönen Tag euch allen (und lasst euch nicht ärgern 😉 )!

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Gender Gaps und Knopflöcher setzen können

Vielleicht war ich naiv. Ich dachte doch tatsächlich, man könnte als Frau, ja, sogar als Mutter, einfach mal so ein harmloses Hobby-Handarbeits-Blögchen starten, ohne sich – wie sonst oft genug und gerne – gleich gesellschafts-, gender- oder sonstwie politisch positionieren zu müssen. Ja, ich dachte doch tatsächlich, man könnte sich einfach mit ein paar anderen Handarbeiter*innen über Handarbeiten austauschen, ohne nicht handarbeitenden Menschen damit auf die Nerven zu gehen.

Aber falsch gedacht. Offenbar gibt es Menschen, die meinen, DIY-Blogs seien in ihrer Gesamtheit unfeministisch, nein, sogar anti-feministisch, sie träten gar der „Gleichberechtigung ins Knie“:

„Doch die alpakaweiche Bewegung tritt die Gleichberechtigung ins Knie. Denn all die Blogs und Artikel und Prodüktchen, sie bedienen abwertende Mädchen-Klischees. Meist in Pastellfarben gestaltet, mit Mustern aus den 70ern. Dazu Schreibschrift und Schnörkel. Im Blog-Titel Worte wie Fräulein, Feen, Zauber und Seele; im Online-Shop das Versprechen, alles wurde „mit ganz viel Liebe hergestellt“. Im Zentrum: das traute Heim. Gefühlsduselei, mangelnde Fähigkeit zur Abstraktion, Hausfrauen-Kleinklein, wenig Wissen: Das wurde Frauen, als sie noch darum kämpfen mussten, Wissenschafterlinnen zu werden, vorgehalten. Heute definieren sie sich stolz über Babyfotos und mit Äpfeln bedruckte Geschirrhandtücher: Loriots Jodeldiplom.“

So schreibt es Heide Fuhljahn in einem fulminanten Rant auf brigitte.de. Sie beklagt, die Bloggerinnen wollten nur Aufmerksamkeit (mal ehrlich: Brigitte-Kolumnist*innen etwa nicht?) und statt mit ihren Blogs „Grundlagen von Revolutionen“ zu legen, also „wie meist Männer“ politische Blogs zu schreiben, widmeten sie sich lieber mit „wenig Anstrengung, viel Bohei“ Babyfotos und Schminktäschchen.

Uff. Nun könnte ich kleinlaut eingestehen, dass ich es heute morgen gewagt habe ein Foto mit Baby (!) an der Nähmaschine (!) zu posten, statt wie Frau Fuhljahn zu einem emanzipierten Mixed Martial Arts-Event zu gehen. Ich könnte auch entgegnen, dass ich dieses Foto postete, ehe ich mein Strickzeug (!) in die selbstgemachte (!) Wickeltasche packte um zu einem von dutzenden Krippen-Besichtigungsterminen zu eilen, damit ich dereinst wieder Vollzeit arbeiten kann, statt Vollzeit Baby-Pumphosen zu nähen.

Ich mag mich aber gar nicht rechtfertigen, weil ich nichts weniger feministisch finde als die permanente Aufforderung an Frauen – von egal welcher Seite – sich für ihren – egal welchen – Lebensentwurf, genau: zu rechtfertigen. Ich mag mich nur wundern über ein so eingeengtes Verständnis von Feminismus, in dem handarbeitende Mütter per se unfeministisch sind, weil sie sich nicht anstrengen mögen um „Pilotin oder Verlegerin“ zu werden, wie Fuhljahn schreibt. (Zu Recht fragt Katharina Rathert auf Twitter: „… ist eine Pilotin immer auch Feministin?“)

Nein, allzu kindlich-mädchenhafte DIY-Projekte sind auch nicht meins. Aber wer bin ich, darüber zu urteilen oder davon gar auf den Grad an Selbstbestimmtheit ihrer Urheber*innen zu schließen? Wer sagt denn, dass neben dem Strickzeug nicht Anne Wizoreks Streitschrift „Weil ein Aufschrei nicht reicht“ auf dem Couchtisch liegt? Kann es nicht sein, dass Strickschriften und Judith Butler lesen sich genauso wenig widersprechen wie die Fähigkeit zum Knopflöcher und Gender-Gap-Setzen? Ist es tatsächlich emanzipierter, nach dem Vollzeitjob, wenn das Kind schläft, Kampfsport zu betreiben anstatt die eigene Garderobe zu upcyclen? Und was weiß Fuhljahn über das, let’s say, antirassistische oder umweltpolitische Engagement von häkelnden Vollzeitmüttern?

Mit freundlichen Grüßen: Eine, deren Identität mehr umfasst als Handarbeiten und wenn nicht, dann ist es auch gut.

(Und jetzt: viel Spaß beim Debattieren. Die Mutti muss los zum nächsten Krippentermin)

Update: In der ersten, mit heißer Nadel gestrickten (*hust*) Version des Textes habe ich den Namen der Autorin Heide Fuhljahn falsch geschrieben, das bitte ich zu entschuldigen! Außerdem war zwischenzeitlich der Link auf brigitte.de defekt, das müsste jetzt behoben sein.