Muttertag oder: Der Stoff, aus dem Erinnerungen sind

Es war spät gestern Abend, als Sohnemann Fieber bekam. Die Bäckchen glühten, mit warmen Händchen rieb er sich verwirrte, wässrige Augen, ehe er in einen unruhigen Schlaf voll hastiger Atemzüge und weinerlicher Seufzer fiel. Immer wieder trank er und unsere großen Hände legten ihm feuchte Wickel um die kleinen heißen Waden. Und es war früh am heutigen Morgen, als wir, von Sorgen des nachts wachgehalten, erleichtert die sinkende Temperatur seines ersten Fiebers maßen.

Es war spät gestern Abend vor einem Jahr, als meine Schwiegermutter zu sprechen aufhörte, ihren schmerzenden Kopf hielt, in einen unruhigen Schlaf fiel. Und es war früh am heutigen Morgen vor einem Jahr, als sie im Auto meines Schwagers, der sich von Sorge getrieben den Weg durch den Verkehr von Lagos bahnte, ihren letzten Atemzug tat.

Erster Muttertag. Erster Todestag.

Natürlich ist es Zufall. Und doch war es der erste Gedanke, der meinem Mann und mir heute morgen nach durchwachter Fiebernacht unabhängig voneinander kam – wie es sein kann, dass Sohnemann fiebert in ausgerechnet jener Nacht, in der seine Großmutter, wenige Wochen vor seiner Geburt, im vergangenen Jahr überraschend Abschied nahm und ihn großmutterlos in diese Welt kommen ließ, die seine andere Oma bereits 27 Jahre zuvor verlassen hatte.

So also hat mein erster Muttertag begonnen mit – Muttergefühlen: Mit Sorge um den kranken Sohn. Und mit dem liebevoll-wehmütigen Erinnern an zwei zu früh gegangene Mütter, von denen eine genau heute vor einem Jahr ging.

Dass ich diese Gedanken heute hier im Handarbeitsblog teile, hat auch damit zu tun, dass mein Stoffregal neuerdings Erinnerungen an meine Schwiegermutter weckt. Denn vom letzten Nigeria-Besuch hat mein Mann einen Koffer voller Stoffe mitgebracht.

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Einen Koffer voll Stoff, aus dem Erinnerungen sind: Buntgemusterte Waxprints, die seine Mutter zum Teil bereits getragen hat – als Wickeltuch um Hüfte und Kopf geschlungen oder zu weiten Röcken und Blusen vernäht. Vielleicht werden daraus nun Hemden für den Sohn oder Hosen für den Enkel, Röcke für die Schwiegertochter oder Kissen fürs Familienwohnzimmer.

Erinnerungen, die wir immer mit uns tragen.

Alles Gute zum Muttertag!

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(Die letzten drei Stoffe waren mit im Koffer, sind aber neu.)

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3 Gedanken zu „Muttertag oder: Der Stoff, aus dem Erinnerungen sind

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