White Style

Übers Wochenende ist mir die deutsche Ausgabe der finnischen Schnittzeitschrift „Ottobre Design Kids Fashion“ ins Haus geflattert. Schon öfter hatte ich am Zeitschriftenregal stehend mit ihr geliebäugelt, die Schnitte und Stoffe toll und abwechslungsreich gefunden und sie daher nun mal probehalber abonniert. Neben der aktuellen Ausgabe 1/2015 hatte ich mir noch eine 2014er-Ausgabe bestellt und so sehen die beiden aus:

IMG_8003

Und im Inneren entdecke ich unter anderem folgende Bilder:

IMG_8004

Vielleicht ist es Zufall. Vielleicht aber auch nicht, wenn man mal im Online-Angebot der Ottobre blättert. Fakt ist jedenfalls: Beide Titelbilder zeigen keine weißen Kinder.

Warum ich das so betone? Weil ich es erfreulich und der Vielfalt unserer Gesellschaft angemessen finde. Vor allem aber, weil ich den Eindruck habe, dass eine solche Titelseiten- und Fotostreckengestaltung hierzulande (leider) außergewöhnlich ist. Ich will gar nicht vom weißen Norm-Schönheitsideal sogenannter Frauenzeitschriften im allgemeinen sprechen – bei den DIY-Zeitschriften zu bleiben reicht mir schon voll und ganz.

Vielleicht habe ich bislang die falschen Schnittzeitschriften gelesen oder insgesamt zu wenige. Ich weiß es nicht. Was ich aber weiß: in rund zwei Jahren (2012-2014), in denen ich das in Deutschland wohl bekannteste Schnittmuster-Magazin „Burdastyle“ abonniert hatte, habe ich nicht ein einziges Mal People of Colour auf dem Titel gesehen. Und auch im Inneren der Zeitschrift habe ich fast vergeblich nach nicht-weißen Models gesucht. Gerade habe ich rein willkürlich rund ein dutzend Ausgaben aus dem Regal gezogen und durchgeschaut. Und von zwei schwarzen Models abgesehen, die jeweils in so einer Art „ganz normale Leute von der Straße präsentieren ihre Lieblingsmode“-Fotostrecken auftauchten (und von denen eins zufälligerweise das spätere Germany’s Next Topmodel Lovelyn ist …) tauchten die einzigen PoC dort auf, wo

a.) Leserinnen ihre selbstgemachten Modelle präsentierten (was schon mal zeigt, dass die Leserschaft der Burdastyle trotz allem nicht rein weiß ist!)

b.) Trends der internationalen Laufstege mit der Heftmode verglichen wurden (es ist schon recht bezeichnend, dass ausgerechnet dies die Seiten mit den meisten PoC, sprich: überhaupt welchen sind, bedenkt man, dass die Laufstege dieser Welt ja nun auch alles andere als ein Spiegel der vielfältigen Wirklichkeit sind…)

c.) sie als „exotisches“ Accessoire für weiße Models dienen.

Das klingt euch jetzt zu krass? Beispiel gefällig? Bitteschön (aus: Burdastyle 6/2012):

IMG_8005

Eine detaillierte Kritik könnte schon bei der Überschrift ansetzen (die einige Monate später exakt so über einer DIY-Fotostrecke zu Safari-Wildtier-gemusterten Wohnaccessoires steht, aber das nur am Rande …), denn einen Karen-Blixen-Buchtitel zu zitieren zeigt schon recht deutlich, dass es hier nur um eines geht: um weiße Menschen vor „afrikanischer“ Kulisse bzw. um eine weiße Sicht auf „Afrika“.

Auf diese Weise vorgewarnt macht es mich dann aber trotzdem sprachlos, wie dreist Schwarze Menschen hier darauf reduziert werden Kulisse oder Accessoire zu sein. Denn nein, Stoff und Schnittmuster der von Schwarzen Menschen getragenen Mode wird natürlich nicht benannt. Stattdessen geht es ausschließlich um die Safariwestenmode des blonden Models, die vor/neben Schwarzen Menschen in Szene gesetzt wird.

IMG_8006

Und diese (im Heft natürlich noch viel zahlreicheren) Schwarzen Kinder werden im Bildtext übrigens als „große Fangemeinde“ bezeichnet, derer sich die Chiffonbluse der weißen Frau erfreut … (zum Thema Schwarze Kinder als Kulisse für weiße Frauen immer wieder gut: dieser Text des Satireblogs The Onion).

So viel zu einem der offensichtlich rassistischen Beispiele, die mir beim Blättern so in die Hände gefallen sind. Was mir außerdem aufgefallen ist: Das in gefühlt jedem zweiten Heft mindestens eine Themenstrecke sich „Ethno“-Looks widmet, sprich: Stilelemente nicht-weißer/nicht-europäischer/nicht-westlicher Menschen aufgreift („inspiriert von Nomadenvölkern“) und diese – na? – genau: an weißen Models präsentiert. Betextet wird das dann wahlweise als „exotisch“, „exotisch“ oder „exotisch“ (teilweise fällt der Begriff sogar mehrfach innerhalb einer ohnehin nicht gerade textreichen Fotostrecke); Muster/Schnitte/Stile sind wie auf Knopfdruck „sinnlich“, „wild“ oder gleich „animalisch“, sie versprechen „Asia-Touch“ oder „Orient-Look“, „südliche Lässigkeit“, „Südsee-Feeling“ oder das „rassige“ Temperament „feuriger Sizilianerinnen“ oder klammern bestimmte Bevölkerungsgruppen aus, wenn sie von „optimistischen 50er“ Jahren in den USA sprechen (ich würde mal tippen, dass Afroamerikaner*innen dieses Jahrzent anders bezeichnen würden als die Mad Menesk gestylten weißen Models im Heft…) oder weiße Frauen samt Traumfängern und Lederfransen in den Native-American-freien Wilden Westen schicken. (Dass sich die Kosmetiktipps nur an Frauen richten, deren Hautton dem gleicht, was gemeinhin als „nude“ bezeichnet wird, tatsächlich aber nackte dunkle Haut ausklammert, ist dann nur noch ein Detail am Rande.)

Ich könnte weitere, weitere und weitere Beispiele nennen, aber ich ärgere mich schon so genug. Und als weiße Frau kann ich nur ahnen, wie es PoCs gehen muss, die sich beim Blick in solche Zeitschriften gar nicht oder nur auf exotisierende und rassistische Weise repräsentiert sehen.

Dass es anders geht, zeigt auf wohltuende Weise die „Ottobre“. Aber kann das alles sein? Gibt es noch weitere positive Beispiele von DIY-Zeitschriften da draußen, die nicht Weißsein als Normschönheitsideal vorgeben, sondern der Vielfalt unserer Gesellschaft Rechnung tragen? Und wenn nicht: wie können wir das ändern?

Ich freue mich auf eure Tipps, Erfahrungen, Diskussionsbeiträge!  (Worauf ich aber keine Lust habe: auf „das ist doch gar nicht rassistisch“-Kommentare von Menschen, die sich offensichtlich noch nicht damit beschäftigt haben, was Rassismus ist. Danke!)

Update, 30.1.: In einem Blogeintrag von 2013 fiel hier auch schon mal jemandem auf, wie weiß die Burdastyle ist.

Update 31.1.: Natürlich (Gottseidank!) bin ich nicht die erste, die sich diesem Thema widmet. Jenny hat schon 2012 einen super Text zum „BS & BS“ (Bullshit & Burdastyle) verfasst.

Advertisements

17 Gedanken zu „White Style

  1. Ganz toller Artikel. Ich habe mir heute die Ottobre Kids gekauft und mich über die Vielfalt der Kinder sehr gefreut. Und dann bin ich auf deinen Artikel gestoßen. Ehrlich gesagt, habe ich es so bewusst in der Burda nicht gesehen. Doch ich gebe dir recht. Die Asia Strecke, die Afrika Strecke alles nur Weiße Models.
    Wie schön wäre es gewesen, eine Afrika Strecke, mit Afrikanischen Waxprints, an afrikanischen Modellen.
    Lg Mathilda

    Gefällt 2 Personen

  2. Danke für diesen tollen Text!
    Ich kann dir wirklich nur zustimmen. Zwar lese ich nicht die Burda, aber andere DIY- und auch Food-Magazine und da sieht es mit der Diversität nicht gut aus. Eine karg-weiße Landschaft. 😦

    LG,
    Jen

    Gefällt 1 Person

  3. Danke fürs analysieren und so gut in Worte fassen! Eine grobe Idee zu diesem Thema schlummerte nämlich in meinem Kopf auch schon seit Wochen/Monaten. Aber da ich die Burda nur sehr selten kaufe, fehlte mir scheinbar die Afrika-Strecke, die das ganze so richtig schön greifbar gemacht hätten. Das ist dir sehr gut gelungen!

    Gefällt 1 Person

      • Danke für diesen Artikel. Es ist wirklich auffällig und schlimm, unnötig rückständig. Ottobre ist ja sehr erfolgreich. Und den Mut sollte Burda wohl langsam schon haben, ein bisschen mehr Diversität zu zeigen. Die Vogue kann das ja schließlich auch (auch wenn man sich da auch über manche rassistischen Darstellungen aufregen kann).
        Auf einem der amerikanischen Blogs war es vor einer Weile man ein Thema, dass es mit diesem „Streetstyle“-Bild in der Burda (dieser gelbe Rock, ich habe die Ausgabe nicht zur Hand) wohl das erste Mal eine Schwarze in der Zeitschrift nicht als „Deko“ (Verzeihung, aber so ist das ja z.B. in der „Out of Africa“ (!!) Strecke wirklich nur zu sehen), sondern als Model zu sehen ist. Und die Resonanz war durchweg positiv.
        Das geht anders, Burda, da bin ich mir sicher.

        Gefällt 1 Person

      • Danke für den Kommentar und den Hinweis, dass das in der amerikanischen Blogosphäre auch schon mal thematisiert wurde. Hast du da vielleicht noch einen Link zu? Sonst google ich mal, ob ich da auch so draufstoße …
        Und ja, ich finde auch, dass das anders geht – und gehen muss.

        Gefällt mir

  4. Großartiger Beitrag. VIELEN DANK!

    Mir war bisher nur aufgefallen, dass Frauen in der Ottobre älter werden dürfen oder dick. Ich hatte immer das Gefühl, dass es sich um normale Frauen handelt. Im Gegensatz zu der Plusmode bei Burda, bei denen dicke Frauen immer als Businessfrau oder gern gesehener Hochzeitsgast gepimpt werden müssen, damit sie gut genug aussehen, um abgebildet zu werden.

    Ich habe dich in meinem Wochenrückblick verlinkt, weil ich hoffe, das ganz viele Leute deinen Artikel lesen!

    Gefällt 1 Person

    • Oh, vielen Dank für die lieben Worte und natürlich auch für die Verlinkung! Das Thema Plusmode und deren Darstellung ist auch so eines, über dass ich mich aufregen könnte – aber das haben andere schon viel qualifizierter getan, als ich es könnte, zumal es ja auch viele „Plus Size“-DIY-Bloggerinnen und „Fatshionistas“ gibt.
      Schön zu wissen, dass auch in dieser Hinsicht die Ottobre der Burda was voraus hat (ich hatte ja nur die Ottobre Kids in der Hand).

      Gefällt mir

  5. Ich hab da grad ein Deja Vu.
    Wirklich mitreden kann ich nicht, da mir der Überblick über Modezeitschriften fehlt. Allerdings erinnert mich die Auswahl der Ottobre-Kinder deutlich an Ikea-Kataloge, die gefühlt erstmals vor ca. 10 Jahren erschienen. Die PoC-Kinder damals waren hier wie dort entweder dunkelhäutig/krausköpfig oder kamen aus Fernost.
    Mit meiner Realität hat das nur am Rande zu tun. Die meisten Migranten bzw. deren Eltern/Familien haben ihre Wurzeln in der Türkei, gefolgt von Süd- und Südosteuropa. Das dürfte in Finnland nicht wirklich anders sein. Aber nirgendwo spielt z.B. ein türkischstämmiges Kind.
    Als ich damals den ersten Ikea-Katalog mit PoC-Kindern sah, dachte ich spontan, der sei für den amerikanischen Markt produziert worden. Auf keinen Fall aber für Deutschland/Europa.
    Und nun sehe ich in der Ottobre das identische Muster. Mich macht das mißtrauisch. Es ist natürlich ein Fortschritt auch mal nicht-weiße Models zu sehen, aber ich befürchte, auch diese Kinder werden instrumentalisiert. Es scheint so eine Art Code zu geben, wie man Weltläufigkeit signalisiert. Und der Niedlichkeitsindex ist fest definiert. Von einer Abbildung der Wirklichkeit auch die Ottobre immer noch weit entfernt.

    Gefällt mir

    • Hmm, ich habe eigentlich nicht das Gefühl, dass die Ottobre-Kinder irgendwie instrumentalisiert werden. (wenn man mal davon absieht, dass Werbefotografie natürlich immer irgendwie eine Form von Instrumentalisierung ist …)
      Mir fehlt, wie erwähnt, auch der Überblick, aber in den Ausgaben, die ich in Händen halte, sind auch Kinder zu sehen, die einen türkischen „Migrationshintergrund“ haben könnten, auch wenn ich jetzt eigentlich nicht anfangen will, die Kinder wieder in einzelne Schubladen zu sortieren.
      Fakt ist: Alle diese abgebildeten Kinder könnten deutsch sein, weil deutsch sein eben nicht mehr nur weiß/blond sein bedeutet. Und das ist das, was ich so erfrischend fand beim Durchblättern. Und für mich kommt die Auswahl nicht „amerikanisch“ daher – ich würde einen solchen Eindruck eher darauf schieben, dass entsprechende Diversität hierzulande eben in Magazinen, etc. einfach leider nicht der Normalfall ist

      Gefällt mir

  6. Pingback: Antwort von Burda | BESTRICKEND UMGARNT

    • Danke dir, das freut mich! Nein, nein, so schnell verliere ich nicht die Lust – bin bloß nicht so ne Häufigbloggerin (und momentan gerade mit wenig Handarbeit und viel Umzug beschäftigt, daher gerade noch mehr Schweigen als sonst im Walde … ;-)) Schönen Sonntag noch!

      Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s